Sklave oder Herr der Dinge?

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Untertitel

Was Seneca uns lehren kann, ist die Treue gegen uns selbst --- gegen den Gott in uns --- und gütige Duldsamkeit gegenüber unseren Mitmenschen:

»Weisheit lehrt, das Göttliche zu verehren und das Menschliche zu lieben. Anhaltende Güte überwindet das Böse. --- Um im Wechsel von Glück und Unglück der gleiche zu bleiben, aus allem zu lernen und an Weisheit zu gewinnen, ziehe dich oft in dich selbst zurück. Ziel deines Strebens sei, ein lebendiges Ebenbild Gottes zu werden und mehr der inneren Stimme zu gehorchen als den Lockungen der Dinge zu folgen. Lege dir täglich Rechenschaft ab über dich selbst und sorge, dass dein Streben immer dem Guten gilt. Gut ist, was dich besser und tüchtiger und die Menschen um dich glücklicher macht. Wer so lebt, wird zum Herrn der Dinge und Geschicke.«

Der Kulturphilosoph Rudolf Eucken stellt in seinem Werk »Die Weltanschauung der großen Denker« fest, dass die Stoiker unvergleichlich viel für die Lösung des Lebensproblems getan haben, vor allem durch die wissenschaftliche Begründung der Ethik:

»Der Mensch ist ein Glied der Welt, die ein Reich der Vernunft, ein System sinnvoller Ordnung und strenger Verkettung ist. Er ist durch seine Natur befähigt, die All-Vernunft zu erfassen. Er kann sich zwiefach verhalten: er kann ohne eigene Regung das Weltgeschehen über sich ergehen lassen oder sich des Weltgedankens bemächtigen, seine Notwendigkeit durchschauen und sie damit in Freiheit verwandeln...

Hier ist der Punkt der eigenen Entscheidung: ob das, was geschehen muss ohne und gegen ihn oder mit seiner Zustimmung geschieht. Das verändert ganz und gar der Charakter seines Lebens, das macht ihn entweder zum Sklaven oder zum Herrn der Dinge.«

Der Gedanke der Weltvernunft kann aber --- nach Euken --- »nur dann Freiheit und Glück gewähren, wenn unser ganzes Sein in Denken verwandelt und alles aus ihm entfernt wird, was uns fremden Gewalten unterwirft. Das aber tut das Gefühl mit seinen Affekten, indem es uns in Sorgen und Leiden des Daseins verstrickt --- vor allem durch falsche Schätzung der Dinge. Denn die Leiden wie das ganz äußere Dasein haben Macht nur über den, der ihnen durch sein Denken Wirklichkeit verleiht, wie der Stoiker lehrt: >Nicht die Dinge beunruhigen uns, sondern unsere Meinungen über die Dinge...<

So wird das Denken zum Handeln, zur Denkhandlung, die Weisheit und Tugend in eins verschmilzt. Diese Denkhandlung allein gewährt echtes Glück. Aber die Schwere der Aufgabe entging den Stoikern nicht. Für sie ist Leben Kampf --- gegen die falsche Wertung der Dinge und gegen die Gefahren im eigenen Wesen.«

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