64. Todes-Überlegenheit

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Untertitel

Beim Verlust eines unserer Lieben sollten wir uns, Senecas Mahnung folgend, prüfen, ob unser Schmerz vor allem das eigene Ungemach berücksichtigt oder das des Heimgegangenen. »Regt sich, Mutter, dein Schmerz darum, weil du einen größeren Genuss von deinem Sohne hättest haben können, wenn er länger gelebt hätte? Dann darfst du nicht über das klagen, was dir entzogen wurde, sondern musst danken, was du geerntet hast. Schon dass du ihn hattest, dass du ihn liebtest, war ein Gewinn. Dein Los war besser, als wenn er dir gar nicht zuteil geworden wäre. Möchtest du wohl lieber einen ungeratenen Sohn gehabt haben als einen von solchem Charakter, wie der seinige war? Fast keinem werden große und zugleich lang dauernde Güter zuteil; nur ein allmähliches Glück hat Dauer und bleibt bis ans Ende. Weil dir die Götter deinen Sohn nicht auf lange Zeit geben wollten, gaben sie ihn dir gleich so, wie man nur in langer Zeit werden kann.«

Und -- so wäre weiter zu fragen --: bleibt dir nicht das Bewusstsein deines inneren Verbunden -seins mit dem, was an ihm dem Vergehen nicht unterworfen ist? Wende dich seiner Seele mit all deiner Liebe zu -- und dir wird bewusst werden, dass sie dir unverändert nahe ist. Marc Aurel verdeutlicht diese Wahrheit:

»Wie jede Tätigkeit, die zur bestimmten Zeit beendet ist, durch das Aufhören keinen Schaden leidet, und wie der, der hierbei tätig war, durch die Beendigung keinen Nachteil erfährt, so erleiden wir auch keine Beeinträchtigungen durch das Aufhören jener Tätigkeit, die wir Leben nennen. Vielmehr wird das Wesen des Menschen durch die Umwandlung verjüngt und in neue Blüte versetzt.

Viele fürchten sich vor der Verwandlung. Aber was kann denn ohne Verwandlung vollkommener werden? Könntest du Nahrung genießen, ohne dass sich die Speise verändert? Sieh also ein, dass es mit deiner Verwandlung und der deiner Lieben die gleiche Bewandtnis hat und dass sie für dich und für sie wie für das Ganze gleich notwendig ist.

Wer den Tod fürchtet, fürchtet sich entweder vor dem Aufhören jeder Empfindung oder vor dessen Wechsel. Wenn man aber beim Übergang nichts fühlt, fühlt man auch keine Übel mehr. Und wenn man eine andere Art des Fühlens empfängt, wird man zu einem anderen Wesen und hört mithin nicht auf zu sein. Darum verhält sich der Weise dem Tod gegenüber weder ablehnend noch übermütig. Er wertet ihn als Teil des Lebensvorgangs und bedenkt: wie ich als Kind aus dem Mutter-schoss hervorging, so scheide ich aus der Körperhülle. Diese Versetzung kann ich gelassen hinnehmen, wenn ich meines Verbundendseins mit dem Göttlichen durch den Genius in mir bewusst bleibe, der ja auch dann unverändert bestehen bleibt, wenn das Körperkleid zerstäubt.«

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