63. Von Tod und Verlust

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Untertitel

Wenn Seneca uns wiederholt ermahnt, an den Tod zu denken, so nicht, um die Sorge wegen der Kürze des Daseins und die Angst vor dem Vergehen zu schüren, sondern vielmehr, um uns zur Zeit- und Todes-Überlegenheit zu verhelfen.

»Über ein kleines kommt der Tod, der uns alle gleich macht. Darum bereite dich auf ihn vor, und das heißt: bereite dich auf die Freiheit vor. Denn wer recht zu sterben weiß, hört auf ein Knecht zu sein. Der Jüngling sollte den Tod genauso vor Augen haben wie der Greis, werden wir doch nicht nach Jahresklassen abberufen. Man richte darum jeden Tag so ein, als setze er dem Leben ein Ziel und Ende.

Das gilt auch im Blick auf den Verlust unserer Lieben, der jederzeit eintreten kann. Es gilt im besonderen für den Schmerz der Mutter, die ihr Liebstes verlor. Wenn das Geschick nicht durch Tränen besiegt wird, wenn der Heimgegangene nicht durch Trauern und Wehklagen zurückgerufen wird, sollte sie an die Stelle des Schmerzes die Gewissheit setzen, dass alle Trennung nur auf Zeit erfolgt und dass es gilt, tapfer das fernzuhalten, was die Einbildung dem Schmerz unnötig hinzufügt.

Wenn den Trauernden die Entbehrung dessen bekümmert, den er geliebt hat, sollte er bedenken, dass es das falsche Denken ist, das ihn quält. Um Abwesende weinen wir nicht, wenn sie nur leben. Er denke darum, der Heimgegangene sei abwesend, er hätte ihn weggeschickt. Ja er hat ihn vorausgeschickt, um ihn einzuholen. Er bedenke, dass der Abgeschiedene von keinem Übel mehr berührt wird. Der Tod ist die Befreiung von allen Übeln; über ihn gehen unsere Leiden nicht hinaus. Der Tod ist weder ein Gut noch ein Übel. Wer ihn erlitt, wird von Furcht vor Armut, von Sorge um den Reichtum nicht mehr angefochten...

...Wie unbekannt sind jene mit ihrem Elend, die den Tod nicht als beste Erfindung der Natur erkennen. Er gleicht alles aus; er handelt frei von fremder Willkür; er ist es bei dem niemand seine Niedrigkeit fühlt; er bewirkt, dass man seinen Geist unverletzt und seiner selbst mächtig erhalten kann. Der Weise liebt das Leben um des Todes willen. Er bedenkt, wie viel Gutes der Tod zu gelegener Zeit hat, wie vielen es geschadet hat, dass sie zu lange lebten.

Woher weißt du denn, ob es den Heimgegangenen länger gefallen hätte, ob der Tod nicht sein Glück war? Wessen Verhältnisse sind heute so gesichert, dass er von der Zukunft nichts zu befürchten hätte? Alles Menschliche fließt dahin, und kein Teil unseres Daseins ist so verwundbar wie der, welcher uns das liebste ist. Nichts ist gewiss, als was vorüber ist.« Im Grunde rührt die Furcht vor dem Tode vor allem daher, dass man nur eine begrenzte Spanne des Lebens anschaut, nie das ganze, wirkliche Leben. Wer dessen gewiss ist, weiß sich dem Tode überlegen.

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