60. Kürze des Daseins

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Untertitel

Lebens-Verwesentlichung ist mehr als Lebensverlängerung. Trotzdem beklagen, wie Seneca feststellt, »die meisten Sterblichen die Ungunst der Natur, weil sie für eine zu kurze Lebensdauer geboren wurden, weil die Frist der ihnen verliehenen Zeit so reißend schnell abläuft, dass die meisten mitten unter den Vorbereitungen für das Leben aus dem Dasein scheiden...

In Wirklichkeit haben sie nicht zu wenig Zeit, sie vergeuden zu viel davon. Auch zur Vollbringung der größten Dinge ist das Leben lang genug, wenn es richtig angewandt wird. Wenn es aber un-weise vertan und für keine wertvolle Aufgabe eingesetzt wird, merken wir erst, wenn die letzte Not drängt, dass es vorüber ist. So ist es: wir haben das Leben nicht kurz empfangen, sondern es kurz gemacht. Für den, der haushälterisch mit dem Leben umgeht, hat es einen weiten Spielraum.

Was klagen wir über die Natur! Sie hat sich freigebig gezeigt; wir müssen ihr Geschenk nur richtig nutzen. Doch gerade das tun wir nicht: den einen hält unersättliche Habgier gefangen, den anderen geschäftige Emsigkeit in überflüssigen Arbeiten; dieser ergibt sich dem Trunk, jener dem Nichtstun; die einen hält das Jagen nach dem Glück anderer gefangen, andere der Unmut über ihr eigenes Los, obwohl sie dessen Verursacher sind ... So hat Menander recht, wenn er sagt: >Wir leben nur des Lebens kleinsten Teil<, denn der größere Teil ist nicht Leben, sondern bloßes Da-Sein.

Auf allen Seiten locken uns zeit-vertreibende Abhaltungen und hindern uns, uns aufzuraffen und zu uns selbst zu kommen. Keiner gehört wirklich sich selbst; der eine lebt diesem, der andere jenem. Ihr Eigentum lassen sie sich von niemandem nehmen, aber in ihr Leben lassen sie andere eingreifen. Keiner würde sein Geld verteilen, aber sein Leben, seine Zeit teilt jeder aus, und an wie viele! Er vergeudet sie, als lebte er ewig.

Selten kommt euch in den Sinn, wie bemessen eure Zeit ist: ihr verschwendet sie gedankenlos, obwohl vielleicht der heutige Tag euer letzter ist. Ihr fürchtet alles wie Sterbliche und begehrt alles wie Unsterbliche. Da redet einer: >Mit 50 werde ich mich von den Geschäften zurückziehen<, und ein anderer: >Mit dem sechzigsten Jahr soll mein Ruhestand beginnen.< Wer aber garantiert, dass es gerade so geht, wie sie es anordnen? Schämen sie sich nicht, bloß den Rest ihres Lebens für sich aufzusparen? Wie töricht, dann leben zu wollen, wenn man aufhören muss!

Unweise handelt, wer aufschiebt, was er jetzt tun sollte, weise hingegen, wer täglich mit dem Leben abrechnet. Wer täglich die letzte ordnende Hand an sein Leben legt, ist Herr der Zeit und des Daseins, da seines Lebens Schwerpunkt innen ist. Von dorther beobachtet er lächelnd den Lauf der Zeit, dem er sich überlegen weiß.«

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