59. Verwesentlichung des Lebens

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Untertitel

»Die Welt liegt im argen,« klagen die einen. »Alles ist gut, weil gottgewollt,« sagen die anderen. Die einen empfinden die Welt als Gefängnis, die anderen werten sie als Lebensschule. Und ihr Rat ist: »Wenn Gott sich von der Welt zurückzuziehen scheint, zieht der Weise sich in Gott zurück – und sieht alsdann mit Seinen Augen die Welt durch lichtet und alles Geschehen gerechtfertigt.«

Sneca nennt zwei Formen der Gemeinschaft: »Die eine ist groß und wahrhaft allumfassend: sie eint Gott und den Menschen. Die andere ist die, an die wir durch unsere Geburt gebunden sind: die Familie, die Gemeinde, das Volk, der Staat. Manche sind für beide Gemeinschaften zugleich tätig, andere nur für die äußere, einige nur für die innere. Dieser größeren Gemeinschaft des Menschen mit Gott dienen wir am besten durch Zurückgezogenheit.

Die Natur hat uns zu beidem bestimmt: zur Betrachtung des Lebens in der Stille des Innern und zum tätigen Zupacken in der Außenwelt. Sie gab den Menschen nicht nur die aufrechte Haltung, sondern auch die Fähigkeit besinnlicher Meditation. Also lebe ich der Natur gemäß, wenn ich beides recht betreibe: das Handeln und die Meditation, zumal die besinnliche Betrachtung kein Nichtstun ist.

In welcher inneren Haltung zieht sich der Weise aus dem öffentlichen Leben zurück? In der Überzeugung, dass er auch in der Zurückgezogenheit etwas schafft, womit er der Nachwelt nützt. Viele Weise haben in der Stille und Abgeschiedenheit größere Dinge vollbracht, als wenn sie Ehrenämter bekleidet oder ihre frühere Berufstätigkeit fortgesetzt hätten. Sie blicken auf künftige Jahrhunderte und wirken für sie. Ihre Stimme ertönt nicht nur einigen wenigen, sondern allen Menschen zu allen Zeiten, die dafür aufgeschlossen sind. Ihre Zurückgezogenheit hat der Menschheit insgesamt weit mehr Segen gebracht als die geschäftige Betriebsamkeit der Masse.«

Wenn manche meinen, das Leben sei nicht wert, gelebt zu werden, so antwortet der Weise, dass das auf ihre falsche Lebensweise zutreffe, dass aber das Leben, wie es wirklich sein soll und sein kann, wert ist, tausendmal gelebt zu werden, zumal es nicht nur sich selber, sondern der Umwelt Segen bringt.

Letztlich geben wir, wie Marc Aurel hinzufügt, »dem Leben stets die Färbung und Gestalt, die wir ihm zudenken, weshalb wir gut tun, dem Rat zu folgen: wo man leben muss, kann man auch glücklich leben!«

Wer das an Hand der Lehren der Stoiker versucht und dabei bleibt, erfährt beglückt den wachsenden Segen rechten Denkens und Lebens.

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