56. Zurückgezogenheit

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Untertitel

»Glücklich lebt, wer verborgen lebt,« sagt Ovid und meint damit das Glück der Zurückgezogenheit. Sich zeitweise der Welt zu entziehen und gelassen in sich selbst zu ruhen, ist für die Seele so unentbehrlich wie Speise und Trank für den Körper.

Seneca nennt die Zurückgezogenheit den Schlüssel zur Weisheit wie zur Lebens- und Todes-Überlegenheit. Darum kann man der Gemeinschaft, dem Staat nur dankbar sein, wenn sie es einem ermöglichen, ein Leben in friedvoller Zurückgezogenheit zu führen. Wenn auch der Segen des Friedens allen zugute kommt, so doch am meisten denen, die ihn recht zu nützen wissen:

»Wie viel gibt uns die Zurückgezogenheit, wenn wir sie in der Stille unseres Heims unter den großen Geistern aller Zeiten zubringen dürfen, die uns zu den Göttern aufsteigen lassen!

Du fragst, wieso Menschen zu den Göttern aufsteigen können? Gott steigt auch zu den Menschen herab, ja mehr: Er steigt in sie hinab und nimmt in ihnen Wohnung. Ohne Gott gäbe es keine edle Denkungsart und kein sinnerfülltes Leben. Göttliche Keime sind in jedem Menschen vorhanden. Und seine Aufgabe ist es, als guter Gärtner diese Keime zu pflegen. So werden sie ihrem Ursprung ähnlich, wachsen lichtwärts zu der Höhe, von der sie herabstiegen, und tragen ihn mit empor.

Der Aufenthaltsort ist für solche Zurückgezogenheit gleichgültig. Abgeschiedenheit findet man, wenn man will, auch mitten im Geschäftsbetrieb und im Trubel des Alltags. Wer erst sorgsam die Gegend aussucht, in der er zurückgezogen leben möchte, wird überall etwas finden, wodurch er abgelenkt wird. Die größte Ablenkung kommt aus ihm selber, weshalb Sokrates einen, der sich beklagte, dass seine Reisen ihm keine Erholung brachten, erwiderte: >Das ist kein Wunder, denn du bist ja mit dir selbst herumgereist und befandest dich beständig in deiner eigenen Gesellschaft. Deine Charakterfehler begleiten dich ebenso wie die Übel, die du fliehen wolltest.<

Es kommt also darauf an, dass man sich nicht nur aus der Umwelt, sondern auch von seinem eigenen Ich zurückzieht und von ihm frei wird. Denn sonst bleibt einer sich selber zur Last und hält sich selber in Unruhe. Um dem zu entgehen, braucht es keinen Orts-, sondern einen Wesenswechsel: es gilt, ein anderer Mensch zu werden, der Zurückgezogenheit und Ruhe, Gelassenheit und Frieden und Geborgenheit in sich selber findet. Er allein ist allem Widrigen enthoben und bleibt von äußeren Störungen und Ablenkungen unberührt.«

Wer gelern hat, allein und mit sich selber eins zu sein, der gelangt von selbst auch zu der höheren Stufe des All-Eins-seins. Darum ist Selbst-Einkehr so wichtig und unentbehrlich für jeden, der in Frieden leben will.

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