39. Gelassenheit

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Untertitel

Das höchste Gut, das uns jederzeit Überlegenheit verbürgt, ist Gelassenheit. Um sie zu erwerben, müssen wir nach Senecas Worten »ständig an unserer Vervollkommnung arbeiten, Irrtümer überwinden und einsehen lernen, dass die Unzulänglichkeiten, die wir um uns wahrnehmen, uns noch nicht überwundene eigene Unvollkommenheiten bewusst machen sollen. Nur der Unweise schreibt Widrigkeiten anderen Menschen, den Ortsverhältnissen und Zeitumständen zu, aber in Wirklichkeit begleiten sie ihn, wohin er auch geht, solange er nicht zur Gelassenheit gefunden hat.

Wen etwa noch Beschimpfungen kränken, der legt an den Tag, dass er weder Klugheit noch Selbstvertrauen besitzt. Er sieht sich als >verachtet< an, was bedeutet, dass er sich selbst beugt und herabsetzt. Der Weise hingegen fühlt sich von niemandem verachtet; er ist seiner Hoheit bewusst und entsagt sich selbst nie dergestalt, dass er einem anderen Gewalt über sich einräumt. Seine Gegner stehen zu tief unter ihm, als dass sie ihn herabsetzen könnten. Er denkt von ihnen, was wir von Kindern denken: er nimmt ihre Schimpfwörter als Scherz. Nur manchmal zeigt er ihnen, wie Kindern, den Ernst, mahnt und straft sie zur Besserung für sie.

Bei völliger Ruhe unerschüttert zu bleiben, ist nichts Besonderes. Das aber bewundere, wenn einer sich aufrichtet, wo alle niedergeschlagen sind, wenn er steht, wo alle am Boden liegen. Was ist denn das Üble bei allem Widrigen? Nur das, dass der Geist sich davon lähmen, beugen, überwältigen lässt, was beim Weisen nicht möglich ist.

Der Weise steht gelassen aufrecht; nichts macht ihn kleiner, nichts missfällt ihm. Er kennt seine Kräfte und weiß, dass er seine Last zu tragen imstande ist. Ich behaupte nicht, dass er keinen Schmerz empfindet wie etwa ein Fels. Er ist aus zwei Teilen zusammengesetzt: einem vernunftlosen, der verletzt werden und Schmerz empfinden kann, und einem vernünftigen, der unerschütterlich, unerschrocken und unbezwinglich ist. In diesem wohnt jene höchste Fähigkeit des Menschen: die Gelassenheit.

Der Weise kann zittern, Schmerz empfinden und erbleichen; denn das sind Empfindungen des vernunftlosen Teils seines Wesens, des Körpers. Wo also ist das wahre Übel? Es ist da, wo die Empfindungen des Körpers den Geist niederziehen, wenn sie ihn zum Geständnis der Unterwürfigkeit verleiten. Der Weise aber überwindet das Übel durch die Tugend der Gelassenheit.

Der noch Unvollkommene wird notwendig schwanken und bald vorwärtsgehen, bald zurücksinken. Er wird immer wieder straucheln, wenn er nicht beharrlich und gelassen einfach weiter schreitet. Gewöhnen wir uns darum an Gelassenheit und Beharrlichkeit. Ein großer Teil des Fortschritts ist es schon, fortschreiten zu wollen. Wo dieser Wille lebendig ist, ist auch der Weg frei.«

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