38. Tugend als Lebens-Tauglichkeit

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Untertitel

Im Anklang an das Wort Ovids: >Der Tugend ist kein Weg unwegsam< nennt Seneca es als das höchste Geschenk der Natur, dass die >Tugend< ihr Licht in alle Herzen trägt. Was er >Tugend< nennt, hat nichts mit Lohn-Moral zu tun, sondern entspricht dem, was man seit altersher die >goldene Regel< oder den Geist der Gegenseitigkeit nennt, der zugleich Bürge der Lebens-Tauglichkeit ist.

Mit Recht wendet Seneca sich gegen die Forderung, gut zu handeln, um von Gott oder dem Schicksal belohnt zu werden. Rechte Tugend hat nichts mit der berechnenden Hoffnung auf Gewinn zu tun. Sie tut das Gute um des Guten willen. Sie ist Träger des Guten und wird vom Geist des Guten getragen.

Der Weise wendet sich der Tugend unter Ausschaltung aller Nützlichkeits-Erwägungen zu, in der freudigen Bereitschaft, dienlich zu sein, Opfer zu bringen, sich selbst zu verschenken. Wenn dabei Beglückungen nachfolgen, wertet er diese als Zugaben. Denn der Lohn der Tugend liegt in ihr selbst.

»Für den, der den Weg der Tugend geht, ist jeder Schritt ein sicherer. Er erfährt, ohne danach zu gieren, Freuden und Förderungen; aber diese werden nicht seine Herren, sondern seine Diener sein. Sie werden ihn eben sowenig aus der Bahn werfen wie Missgeschicke und Leiden.

Wer der Gottheit gehorcht und alles, was kommt, mit Seelenruhe aufnimmt, steht auf einer Höhe, von der er durch nichts herab-gezogen werden kann, wohin weder Schmerz noch Hoffnung noch die Furcht Zutritt haben. Auf diese Höhe erhebt ihn die Tugend; er wird dort unerschüttert stehen und im Gewiss sein, dass jede Lage naturgesetzlich bedingt ist, willig ertragen, was immer auch kommt.

Das einzige Gebot, dem er folgt, ist: Folge der Gottheit! Lass dich von innen und oben her leiten! Wer über das Geschick klagt und sich sträubt, wird gewaltsam vorwärts gezwungen. Ist es da nicht besser, willig zu folgen, als sich schleppen zu lassen, besser, zu wollen als zu müssen? Ertragen wir darum willig was zu erdulden ist, mit hohem Geiste, und vergessen wir nie, dass wir in einem Königreich geboren sind als Erben des Höchsten und dass, der Gottheit zu gehorchen, Freiheit ist.

In der Tugend, in der gelassenen Pflichterfüllung, liegt das wahre Glück und der Beweis unserer Lebens-Tauglichkeit. Welchen Rat sie dir erteilt? Du sollst nichts an sich für ein Gut oder ein Übel halten, sondern unerschütterlich bleiben, auf dass du der Gottheit ähnlich wirst, so weit dies möglich ist. Was verheißt sie dir dafür? Etwas Großes Göttergleiches: du kannst zu nichts gezwungen werden, wirst keines Menschen bedürfen, sondern frei und sicher sein, nichts vergeblich suchen und versuchen, in nichts gehindert sein: alles wird dir nach Wunsch gehen.«

Was braucht der noch, der alle Schätze in sich weiß!

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