36. Selbst-Erkenntnis

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Untertitel

Seneca berichtet vom Harpaste, der blödsinnigen Sklavin seiner Frau, wie sie plötzlich ihr Sehvermögen verlor. Da sie nicht wusste, dass sie blind geworden war, bat sie immer wieder den Aufseher, er möge mit ihr ausziehen: das Haus, sagte sie, sei finster.

Diese Erfahrung, meint Seneca, »sollte uns klar machen, das das, was wir an jener Sklavin belächeln, uns allen begegnet: Niemand weiß, dass er geistig blind, dass er geizig, leidenschaftlich oder uneinsichtig ist. Die Blinden suchen wenigstens einen Führer; wir irren ohne Führer herum und betrügen uns selbst.

Nicht außer uns ist unser Gebrechen, sondern in uns. Und wir gelangen so schwer zur Genesung, weil wir nicht wissen oder aus mangelnder Selbst-Erkenntnis nicht wissen wollen, dass wir krank sind. Niemand lässt sich schwerer zur Natur zurückführen, als wer von ihr abfiel.

Wir erröten, Selbst-Erkenntnis und die Kunst rechten Lebens erst erlernen zu müssen. Aber wenn wir es als schimpflich empfinden, einen Lehrer dafür zu suchen, können wir auch gleich die Hoffnung aufgeben, die Einsicht könne uns zufällig zuteil werden. Nein, wir müssen an uns arbeiten; und diese Arbeit ist nicht einmal schwer, wenn wir nur mit der Erneuerung und Besserung unseres Gemüts, unseres Herzens beginnen, ehe seine Verkehrtheit sich erhärtet hat.

Doch auch an der verhärteten zweifle ich nicht: es gibt nichts, was nicht beharrlicher Fleiß, aufmerksame Sorgfalt und Gewöhnung überwinden könnten. Gebogene Balken dehnt die Wärme aus, und ganz anders gewachsen, werden sie zu dem umgeformt, was unser Bedürfnis erheischt. Um wie viel leichter nimmt unsere biegsame, jede Flüssigkeit an Nachgiebigkeit übertreffende Seele eine neue Form an!

Niemandem kommt die gute Gesinnung eher als die schlechte; wir alle sind im voraus von letzterer eingenommen. Aber Tugenden erlernen heißt Fehler verlernen. Mit um so größeren Mut müssen und können wir zur Besserung unserer selbst schreiten, weil der Besitz des uns einmal zuteil gewordenen Guten ein beständiger ist. Denn das widerstrebende Böse wurzelt auf fremden Boden. Die Tugend ist unserer Natur gemäß, das Laster ihr ungemäß. Und nur der erste Weg zur Tugend ist steil, weil die erste Regung des schwankenden Herzens Angst vor dem noch Unversuchten ist. Man zwinge es daher, dass es beginne. Dann ist die Arznei nicht herb; sie schmeckt sogleich gut, wenn man spürt, dass die heilt.

Weiter gehört zu rechter Selbst-Erkenntnis und Selbsterneuerung, dass man sich in der abendlichen Rückschau auf den abgelaufenen Tag prüft, was man gesagt, gedacht und getan hat, in welchen Punkten man besser wurde, um am kommenden Tage noch weiser und besser zu leben.«

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