21. Besitz-Besessenheit

Index

1. Woche
2. Woche
3. Woche
4. Woche
5. Woche
6. Woche
7. Woche
8. Woche
9. Woche
10. Woche
11. Woche
12. Woche
13. Woche
14. Woche
15. Woche
16. Woche
17. Woche
18. Woche
19. Woche
20. Woche
21. Woche
22. Woche
23. Woche
24. Woche
25. Woche
26. Woche
27. Woche
28. Woche
29. Woche
30. Woche
31. Woche
32. Woche
33. Woche
34. Woche
35. Woche
36. Woche
37. Woche
38. Woche
39. Woche
40. Woche
41. Woche
42. Woche
43. Woche
44. Woche
45. Woche
46. Woche
47. Woche
48. Woche
49. Woche
50. Woche
51. Woche
52. Woche
53. Woche
54. Woche
55. Woche
56. Woche
57. Woche
58. Woche
59. Woche
60. Woche
61. Woche
62. Woche
63. Woche
64. Woche
65. Woche
66. Woche
67. Woche
68. Woche

Untertitel

»Die Gier nach Besitz befriedigen zu wollen heißt Feuer mit Stroh löschen.« Was das chinesische Sprichwort aussagt, drückt Seneca durch die folgende Sentenz aus: »Wer sich im Besitz des Seinigen nicht für den Reichsten hält, mag Herr über die ganze Welt sein und ist elend und arm.« Er fährt fort:

»Halte keinen für glücklich, der von seinem Glück abhängt. Die Freude an äußeren Gütern steht auf tönernen Füssen. Jede Beglückung die von außen kommt, verlässt uns wieder. Jene Werte hingegen, die im Innern wurzeln, wachsen und begleiten uns bis ans Ende.

Nützlich und angenehm ist jeder Besitz, wenn er von uns abhängt, nicht wir von ihm. Alle Geschenke des Schicksals bleiben fruchtbar und erfreulich, solange ihr Besitzer über sich selbst verfügt und nicht der Gefangene seiner Güter ist.

Es irrt, wer wähnt, das Schicksal teile uns nach Laune Gutes oder Schlechtes zu. Es gibt immer nur den Grundstoff und schafft die Ausgangssituation, aus der sich erst durch unser Denken und Handeln Gutes oder Schlimmes entwickelt. Mächtiger als das Schicksal ist der Menschengeist: er kann jedes Geschehen nach beiden Richtungen lenken und hat es in der Hand, sein Leben glücklich oder erbärmlich zu gestalten.

Man kann arm und glücklich sein und man kann reich und -- glücklich sein -- und umgekehrt. Das ist eine Frage der Einstellung, nicht des Besitzes. Im Reichtum ist oft mehr Gefahr als im Armsein: er führt uns leichter und rascher von uns selbst fort, während die Armut Menschen zu sich selbst hinführt. Darum gehen mehr Menschen am Reichtum als an der Armut zugrunde.

Sieh dich um: die meisten besitzen ihren Reichtum nicht, sie sind von ihm besessen. Wahrer Reichtum, der nicht fesselt, ist innen und kommt von dort. Heißt das nun, dass man äußeren Reichtum meide? Durchaus nicht, es gilt nur, nicht sein Sklave zu sein und von ihm abhängig zu werden.

Der Weise wertet den Reichtum als bloßes Mittel, nicht als Zweck. Ob Reichtum und Glück einander ausschließen oder eins sind, ist eine Frage der Weisheit und rechter Lebens-Kunst.«

In der Tat ist das Reich der Fülle und des Glücks in uns, und die Pforte zu ihm ist unser Herz. Schon Aristoteles nannte das Glück als inneres Reich-sein eine >Funktion der Seele, wie die Tugend<; schon er lehrte, wie man den inneren Glückssinn weckt: um glücklich zu sein, muss man es sein wollen, muss man leben, als ob man es schon sei. Und zugleich muss man vom Hängen an äußeren Dingen, von Besitz-Besessenheit, frei sein. Nur der Freie ist wahrhaft seines Lebens Herr und bleibt unberührt von Gewinn und Verlust.

««    »»